Gemeinsamkeit und Zuversicht, Zielstrebigkeit  und Mut.

Rede zu 25 Jahre Gymnasium Rutesheim

Wenn Erwachsene mit Schule zu tun haben, erinnern sie sich eigentlich immer an ihre eigene Schulzeit.

Politiker machen das auch.

Das ist nicht immer hilfreich für die Schulpolitik.

Politikerinnen, die bei einem Schuljubiläum eine Rede halten dürfen, machen das auch.

Ich hoffe, Sie finden das nicht schlimm. Zumal ich hier im Namen aller Abgeordneten zu Ihnen spreche.

Ich habe mein Abitur 1980 gemacht– das ist schon eine ganze Weile her.

Ich will nicht behaupten, früher sei alles besser gewesen. Oder immerhin anders.

Sondern ich will mal danach schauen, was gleich geblieben ist bzw. wo es vielleicht Verbindungen gibt.

 

Eines der Themen, die uns damals intensiv beschäftigt haben, war die Umweltpolitik.

Eigentlich war es sogar das bestimmende Thema meiner Oberstufenzeit.

1972 hatte der sog. Club of Rome das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht.

Es ging also schon vor 50 Jahren darum,

wie wir Menschen weiter auf der Erde leben können, ohne die Ressourcen aufzubrauchen und die Umwelt zu zerstören. Das hat uns sehr bewegt und ich war mir ziemlich sicher: Meine Generation wird das Umweltproblem lösen.

Die jungen Menschen von heute – und sie müssen sich noch nicht einmal Fridays for Future anschließen, um dieser Meinung zu sein – werfen uns da jetzt allerdings schlimmstes Versagen vor.

Obwohl jetzt das Ende der Atomkraftwerke besiegelt ist,

das Ozonloch verschwunden und der Regen nicht mehr sauer ist,

obwohl Luft und Wasser mittlerweile viel sauberer sind  als in meiner Kindheit:

Der Klimawandel hat erschreckende Ausmaße angenommen. Das spüren wir ja in dieser Hitzewoche ganz deutlich am eigenen Leib.

Eine Schüler-Generation vor mir,

die sogenannten 68er, die wollten diejenigen sein, die unsere nationalsozialistische Vergangenheit aufarbeiten.

Heute wissen wir: Die Aufarbeitung unserer fatalen deutschen Vergangenheit  dauert an und der Rechtsextremismus feiert fatale Urstände.

Vor rund 30 Jahren dachten wir, der Kalte Krieg sei vorbei und der Ost-West-Konflikt hätte sich aufgelöst.

Aber: Vor fünf Monaten hat Russland die Ukraine überfallen und es herrscht wieder Krieg vor unserer Haustür.

Meine Damen und Herren: Jetzt fragen Sie sich vielleicht, was diese Themen  mit Schule,

mit gymnasialer Bildung zu tun haben.

Ich finde, sehr viel. Es sind ja nicht einfach nur politische Themen, die ich hier anspreche.

Sondern es sind Themen,

die unser Leben tief berühren.

Und Sie alle kennen wahrscheinlich die alte Weisheit: „Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben“.

Schülerinnen und Schüler heute mahnen das ganz intensiv an. Sie fragen nach dem Nutzen von Bildung und wägen ab, ob sie wirklich Lyrik brauchen oder nicht besser in der Schule darauf vorbereitet werden sollten, dass sie später mal eine Steuererklärung abgeben müssen.

Mehr Praxisorientierung auch am Gymnasium kann sinnvoll und hilfreich.

Hier am Gymnasium Rutesheim jedenfalls wurde immer ein Schwerpunkt darauf gelegt, junge Menschen heute auf die Probleme von morgen vorzubereiten. Ihnen das Rüstzeug mitzugeben, damit sie sich später im Leben zurechtfinden werden.

In der ZEIT vom 14. Juli wird ein chinesischer Soziologe (Xiang Biao) zitiert, der in Deutschland (Halle an der Saale) lehrt.

Sein Leitsatz lautet: „Im Kern geht es darum, die Veränderungen der Zeit in fundamentale Fragen zu übersetzen, anstatt ihnen nur nachzujagen“.

Das ist – neben dem Fachwissen , das wir im Gymnasium zuverlässig vermitteln müssen – ganz zentral: Junge Menschen müssen lernen, die richtigen Fragen zu stellen.

Und Sie müssen lernen, selber Antworten auf solche Fragen zu finden.

Dafür müssen sie bereit sein, immer weiter lernen, das ganze Leben lang. Denn das ist es, was die Wissensgesellschaft von uns verlangt.

Und das ist der Geist, der hier in Rutesheim herrscht, und den Sie auch mit Ihrem Leitkonzept „Vom Ich zum mündigen Bürger“ etabliert haben.

Dass Sie den Jugendlichen hier für den Aufbau nicht nur von Fachwissens,  sondern gerade auch von Orientierungswissens, für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen und von Methodenkompetenz ein Jahr mehr Zeit geben, als es im üblichen G8-Gymnasium möglich ist,

das macht Ihre Schule so attraktiv, dass sich viele hier anmelden wollen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das so bleiben kann und freue mich, wenn sich hier in Rutesheim weiterhin junge Menschen in Ruhe den  wichtigen Themen widmen und die fundamentalen Fragen stellen können, die dahinter liegen:

Wie können Menschen zusammenleben?
Wie können Konflikte gelöst werden?
Wie können Länder zusammenwirken?

Wie bleibt unser Planet bewohnbar?

Diese Fragen haben sich zu meiner Schulzeit gestellt, sie stellen sich genauso heute und ich bin sicher, sie werden sich in abgewandelter Form auch in 25 Jahren stellen.

Ich freue mich sehr, dass die Schülerinnen und Schüler  hier am Gymnasium mit Ihnen,  lieber Herr Schwarz, einen Schulleiter haben, der immer auch hinter die vordergründig sichtbaren Dinge schaut, der seine Aufgaben auf der Basis eines stabilen Wertegerüsts erfüllt, der im Gegenüber das Geschöpf Gottes sieht  und Bildung ganzheitlich denkt.

Aber was wäre ein Schulleiter ohne sein Kollegium!

Ich habe hier bei Ihnen bewundernswert engagierte Lehrkräfte kennen gelernt,

die nicht einfach in Deputaten denken,

sondern die ihre Verantwortung,

die sie gegenüber der jungen Generation haben, sehr ernst nehmen.

Dazu kommt eine unterstützende Elternschaft,

eine hilfreiche Kommune

und neugierige Schülerinnen und Schüler,

die sich gerne für verschiedene Projekte gewinnen lassen, zum Beispiel für den Schülerwettbewerb des Landtags, an dem sich das Gymnasium schon lange und regelmäßig beteiligt.

Dabei machen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genau das, was ich eben beschrieben habe: Sie stellen selber Fragen und geben Antworten.

Sie befassen sich dabei z.B. mit Plastikmüll in den Weltmeeren, sie fragen nach Rassismus und Diskriminierung, es geht ihnen um

Freundschaft und Zusammenleben.

Der Schülerwettbewerb wurde vor 65 Jahren erfunden, um junge Menschen für Politik zu interessieren und für die Demokratie zu begeistern.

Ich halte das gerade heute für eine ganz wichtige Aufgabe, denn die Demokratie wird uns nicht in die Wiege gelegt. Jede Generation muss sie sich wieder neu erarbeiten.

Auch hier scheint mir,

meine Damen und Herren,

dass in Rutesheim seit 25 Jahren sehr viel

sehr richtig gemacht wurde.

 

Ich finde, dass wir alle miteinander optimistisch in die nächsten 25 Jahre schauen können.

Das Orchester hat vorhin den Song  „Skyfall“ gespielt  – ganz wunderbar – und diese Musik  ist  sehr eingängig und melodisch.

Allerdings ist es auch ein düsteres,

ein dramatisches Lied,

es ist die Rede vom „Untergang“,

es geht um den „Einsturz des Himmels“.

Bei all den Herausforderungen, vor denen wir derzeit stehen, meine Damen und  Herren, kann man sich tatsächlich düstere Szenarien ausmalen.

Aber ich bin sicher, dass wir hier am Gymnasium Rutesheim  und bei diesem schönen Jubiläum nicht pessimistisch sein müssen.

Denn die Jugendlichen werden hier immer wieder  gut vorbereitet, um eigenständig und verantwortungsbewusst ihr Leben zu gestalten.

Ein paar Verse, liebe Schülerinnen und Schüler,  möchte ich  aus dem Lied „Skyfall“ herausgreifen und Euch mit auf den Weg geben.

Und zwar diejenigen, aus denen der Optimismus spricht:

„Komm, nimm meine Hand und wir stehen das gemeinsam durch. […] Selbst wenn es zerfällt / Werden wir aufrecht dastehen / Und gemeinsam antreten.“

 Das, meine Damen und Herren,

sind die Werte, die Bildung und besonders auch die gymnasiale Bildung, vermitteln muss:

Gemeinsamkeit und Zuversicht,

Zielstrebigkeit  und Mut.

Ich danke allen sehr herzlich, die sich dafür Tag für Tag einsetzen und den jungen Menschen dieses Rüstzeug mit auf den Weg geben.